Wnukowo

 

 

Moskaus dritter Airport – Wnukowo expandiert
 

Seit Januar 2005 können von Deutschland aus alle drei großen Moskauer Airports angeflogen werden – neu hinzugekommen ist Wnukowo, im Süden der Stadt gelegen. Germanwings und Pulkowo Airlines verbinden die russische Hauptstadt mit Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Köln und München. Dies nehmen wir zum Anlass, den „kleinen“ der drei großen etwas genauer vorzustellen.
 

Der Beginn des Flugbetriebes in Wnukowo geht zurück auf den 2. Juli 1941, als hier erstmals militärische Fliegereinheiten ihr Quartier bezogen. Bereits im September 1945 wurde jedoch entschieden, dass der Moskauer Zentralflughafen vom zentrumsnahen Chodynka nach Wnukowo verlegt werden sollte. 1956 hob dann hier eine Tupolew 104 zum ersten kommerziellen Flug nach Omsk ab, und in den Folgejahren schrieb der Airport wiederholt als Regierungsflughafen Geschichte – etwa als 1962 Jurij Gagarin nach seinem kosmischen Ausflieg hier offiziell empfangen wurde.
 
Nach dem Zerfall der Sowjetunion dümpelte der Platz lange Zeit mit nur wenigen internationalen Zielen vor sich hin. 2001 gründete die Moskauer Stadtverwaltung jedoch die Aktiengesellschaft „Internationaler Airport Wnukowo“ und engagierte sich nach Erhalt eines Aktienpaketes von der russischen Regierung und damit der Kontrollmehrheit ab Ende 2003 verstärkt beim Ausbau zu einem international konkurrenzfähigen Partner der Airlines.
 
Mit Scheremetjewo (SVO), Domodedowo (DME) und Wnukowo (VKO) verfügt die russische Hauptstadt über drei internationale Airports, die in direktem Wettbewerb miteinander stehen. SVO, staatlich gelenkt und im Nordwesten gelegen, hat keinen Bahnanschluss und ist lediglich über eine chronisch verstopfte „Schnellstraße“ zu erreichen. Das Terminal 2 aus dem Olympiajahr 1980 und nach Hannoveraner Vorbild von deutsche Firmen errichtet ist längst verschlissen und operiert jenseits der Kapazitätsgrenze. Der Bau eines modernen dritten Terminals nimmt derzeit nur mühsam Gestalt an.
 
Durch ein großzügiges Ausbauprogramm und eine bequeme und zeitsparende Zugverbindung hat dagegen der von der privaten East Line Holding verwaltetete Flughafen Domodedowo daher in den letzten Jahren SVO den Rang ablaufen können. Von knapp 30 Millionen für 2005 prognostizierten Passagieren entfallen nunmehr etwa 46 Prozent auf DME (absolut 13,5 Mio.), 42 Prozent auf SVO (12,3 Mio.) und 12 Prozent auf VKO (3,5 Mio.).
 
Aber auch der „Kleine“ in Wnukowo wächst – von 2004 auf 2005 um etwa ein Drittel mehr Passagiere. Und mehr als 120 Mio. Dollar wurden in den beiden vergangenen Jahren in die Infrastruktur gesteckt. Entstanden sind ein neues internationales Terminal mit einer Kapazität von vier Millionen Passagieren jährlich, zwei Parkhäuser mit zusammen 700 Stellplätzen und ein moderner unterirdischer Bahnhof für die etwa 20minütige Expressverbindung zum Kiewer Bahnhof direkt im Zentrum Moskaus. Darüber hinaus ist VKO auf gleich drei Schnellstraßen mit Taxi, Bus oder privatem PKW erreichbar.
 
Und selbst auf dem Luftweg soll der Airport den anfliegenden Gesellschaften etwa zehn Minuten Flugzeit sparen. Das Bahnsystem mit einer Kapazität von 60 Bewegungen pro Stunde erlaubt jedoch keinen Parallelbetrieb, denn die beiden je etwa 3.000 Meter langen Pisten schneiden sich im Süden im Winkel von etwa 45 Grad und erlauben derzeit auch nur Anflüge nach ICAO-Kategorie II. Hier ist DME mit Parallelbetrieb und seit Ende Oktober Cat III für eine Bahn klar im Vorteil.
 
Spezielle Vorzüge bietet VKO dagegen der Geschäftsfliegerei. Die meisten Moskauer Businessjets sind hier stationiert, jährlich werden bei 6000 Flügen über 35.000 Passagiere am General Aviation Terminal mit 2000 Quadratmetern Fläche abgefertigt. In Wnukowo haben sich zudem bereits einige Wartungsbetriebe auf den Service für die wachsende Flotte russischer Geschäftsreiseflugzeuge spezialisiert.
Ein Standbein der weiteren Entwicklung des Flughafens ist daher konsequenterweise auch die die Geschäftsluftfahrt.
 
Geplant sind diverse Business-Center, Hangars zum Abstellen und für Maintenance und auch spezielle Zonen für Hubschrauber. In Zusammenarbeit mit der ebenfalls mehrheitlich der Moskauer Stadtverwaltung gehörenden Fluglinie Atlant-Soyuz soll Wnukowo zum Zentrum eines für Russland einzigartigen Taxidienstes mit Turbopropflugzeugen und Hubschraubern werden. Sie sollen die Flughäfen untereinander und mit der City verbinden, aber auch kurze Strecken in die zahlreichen Städte des Moskauer Umland bewältigen.
 
Schwerpunkt des ehrgeizigen Investitionsprogramms, für das auch noch um internationale Finanzbeteiligung geworben wird, ist jedoch naturgemäß das Geschäft mit den Fluglinien. Bis 2015 sollen daher insgesamt etwa 1,3 Milliarden Dollar in die Modernisierung des Pistensystems (Verlängerung und Ausrüstung einer Bahn für Anflüge nach Cat. III), die etappenweise Vergrößerung der Passagierterminals für bis zu 22 Mio. Passagiere jährlich bei laufendem Betrieb, den Bau eines Hotelkomplexes und weiterer Parkplätze sowie den Aufbau von Wartungskapazitäten für westliche Flugzeugmuster fließen.
 
Doch auch heute schon lohnt es sich für Moskaureisende, die Vor- und Nachteile der drei Moskauer Airports sorgsam gegeneinader abzuwägen.
 

Robert Kluge
 
 

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