Luftschiff

 

 

Schiff Ahoj
 

Wir können uns nicht helfen, irgendwie erinnert diese ganze Atmosphäre an Zirkus: Kein Zelt zwar, doch zwölf Wohnwagen, nicht die kleinsten, auch Zugfahrzeuge, ein LKW mit langem Mast, der einer großen Funkantenne nicht unähnlich ist, ein Tankfahrzeug. Wäsche flattert fröhlich im Wind, ein junger Langhaariger jongliert mit Keulen, einem anderen wird die Mähne bereits mit Schere und Kamm gebändigt, ein dritter stemmt eifrig Hanteln. Tatsächlich sind diese zwanzig Seelen auf Tournee, wie sie sagen, und für zwei Wochen haben sie hier ihr Lager aufgeschlagen.
 
Wir wollen eine Reise beschreiben, deren Ziel der Weg war, die endete wo sie begann, und nach der dennoch vieles ganz anders war, als vorher.
Es ist sicher einer der letzten heißen Tage dieses Sommers, und ganz wenige weiße Tupfer lockern bei mäßigem Wind das strahlende Blau etwas auf.
Die Attraktion, der Mittelpunkt des Geschehens, dessentwegen wir hergekommen sind, läßt sich nur etwa alle vier Stunden blicken, was die angenehme Trägheit um uns herum erklärt. Wir sind bewußt etwas zu früh dran, um genau dieses Flair auf uns wirken zu lassen, auch, um uns allmählich gedanklich an das Kommende heran zu tasten.
 
Ganz klein sehen wir es schon am Horizont, unser Schiff, fast unscheinbar wirkt es, wie es da von der Kraft der Elemente in ein ständiges Auf und Ab gezwungen wird. Es stampft förmlich, und wir müssen uns nun allen Ernstes fragen: Kann man seekrank werden bei solcher Fahrt? Für uns selbst sehen wir kaum Gefahr, ist es doch nicht unsere erste Fahrt, nur eben die erste in dieser Art von Schiff – die Bewegung wirkt aus der Ferne spektakulär, und im Grunde freuen wir uns auf die neue Erfahrung. Schiffe jeder Art zogen uns seit jeher in ihren Bann, als Kind schon als wir mit Opa Dreimaster leimten, die sogar den Schwänen am Teich gehörigen Respekt abnötigten.
 
Vorfreude macht sich breit, denn wir werden eingewiesen: Alle Telefone aus, bitte, es stört im Funk. Wenn zwei Reisende das Schiff verlassen haben, gehen die schwersten zwei von uns an Bord, zwei um zwei, immer im Wechsel. Und: Die Steuerbordmaschine wird abgestellt, um uns nicht zu gefährden. Also, bitte nicht wundern!
 
Eine Sirene zerreißt die zirpende Stille, hell und aufdringlich wie auf einem Kriegsschiff, fast schmerzen die Ohren. Der Crewchief, mit dem wir vor 10 Minuten noch einige Worte gewechselt hatten, kommt weit ausschreitend aus seinem Wagen, fast makellos weiß ist sein Overall, der tatsächlich eher ein bißchen an einen Babystrampler erinnert.
 
Ähnlich verhüllt strampeln dreißig weitere Beine im Laufschritt zur Anlegestelle, die aber eher imaginär ist. Wir hören das sonore Brummen von zweimal 210 Pferdestärken – nicht viel für solch ein Schiff, das uns in diesem Moment schon die hochstehende Sonne stiehlt. In elegantem Bogen führt es sein Kapitän den ordentlich aufgestellten Fahrensleuten entgegen – fünf stellen sich ihm quer in den Weg, bis hierher, und nicht weiter, je fünf weitere stehen im rechten Winkel dazu rechts und links, ein ordentlich eckiges U formend.
 
Fast sehnsüchtig hängen die beiden langen Taue vom silbern glänzenden Bug herab, der gesenkt und immer noch hoch oben auf uns zielt. Nur ein präzises Kommando und eine Geste des Chiefs lassen die fünfzehn Männer plötzlich ausschwärmen, je fünf streben in raschem Lauf den beiden Tauen zu, die übrigen hängen sich an die Kabine, um das Schiff zu bändigen, strampeln und Laufen und schaffen es kaum, denn Wind kommt auf, plötzlich und unerwartet.
 
Der Kapitän hilft durch Gasgeben mit dem verbliebenen Motor, nur langsam kommt Ruhe in unser Gefährt. Zwei raus, zwei rein – wir sind dabei, als plötzlich wieder laut der Motor aufheult und alles sich bewegt, strampelt und rennt, wir wollen uns in einen grünen Ledersessel fallen lassen, der uns im Moment wieder entzogen wird, denn wir rollen rückwärts, Meter um viele Meter und gar nicht langsam. Kraft des Hanteltrainings und kraft der 210 PS von links und kraft des beherzten Gasgebens, Bremsens, Ruderns und Steuerns unsres braven Kapitäns gelingt es schließlich, die übrigen zweimalzwei Passagiere auszutauschen.
 
Wir sehen den Crewchief, dessen weißer Strampler sich während der Operation irgendwie dunkel verfärbt haben muß, den Daumen recken, wir sehen den Kapitän zu den beiden Gashebeln greifen, sie nach vorne schieben, wir sehen, wie das gewaltige Holzsteuer nach hinten gedreht wird. Wir sehen die Leute an uns vorbeigleiten, wir können kaum Abschied nehmen, von wem auch, und schon nehmen wir Anlauf, denn den brauchen wir. Der Bug unseres Schiffes reckt sich empor stolz und ohne Widerspruch zu dulden, und mit einem beherzten Satz springt es in sein Element, in den grenzenlos blauen Ozean aus Luft, der uns die nächsten vier Stunden umgibt.
 
Und jetzt fliegt es mit uns davon, denn es ist ein Luftschiff, ein kleiner, dicker Bruder des längst ausgestorbenen Dinosauriers Zeppelin. Fast nur ein Gummiboot verglichen mit den gewaltigen Ozeanriesen der Lüfte, die auf Namen hörten wie “Hindenburg” oder “Bodensee” oder eben “Graf Zeppelin” nach ihrem etwas kauzigen Erfinder. Einen tatsächlichen Ozean können wir mit unserem silber-grünen Gummiboot dann doch nicht durchmessen, und doch ist es ein Ozean an Gedanken, der während dieser kleinen Weltreise an uns vorüberplätschert, als herrschte absolute Flaute auf hoher See.
 
In steilem Winkel steigen wir bis wir in etwa 300 Meter über dem Land sind, nehmen Kurs auf unsere Heimatstadt, die wir auf viele Filme bannen wollen, queren abgeerntete Felder und lassen viel Beschwerendes dort unten zurück. Unterwegs fischen wir Ideen für Dieses und Jenes aus der stetig vorbeiströmenden Luft, es fällt nicht schwer bei dieser langsamen Fahrt. Allein das stete Auf und Ab, der Kampf von 7.000 Kubikmetern in Gummi gefüllten Leichtgases gegen die anströmende Luft sorgt dafür, daß uns mancher Gedanke wieder entgleitet, unter dem Sitz des Kapitäns hindurch nach vorne purzelt, aber im nächsten Moment schon wieder zurückkullert, um sich mit sicherem Griff einfangen zu lassen.
 
Wir sind uns des Privilegs bewußt, das uns hier hinauf geführt hat und wir wollen teilhaben lassen am Genuß dieses Flugs, an der Schönheit der Welt, an der Leichtigkeit des Seins, die durchaus erträglich ist, so erträglich, das wir allen Ernstes Gefahr laufen, abhängig zu werden. Hielte uns nicht der Motoren Gebrumm, seriös und eindringlich, wir entschwänden wohl wie das Traggas ins Irgendwo, ließe ein willfähriges Leck ihm die Gelegenheit. Der Übermut beginnt sich Bahn zu brechen, die Arbeit will vergessen sein und doch sind wir hier nicht des Vergnügens wegen, des gar nicht billigen.
 
Wir schaffen einen Dialog mit unserem Luftschiffer, der gar nicht bärbeißig seemännisch, sondern aufgeschlossen und freundlich ganz en passant Rede und Antwort steht. Wir erfahren von den Tücken des Temperaturunterschieds zwischen Außenwelt und Gas, von Auftriebsdifferenzen, vom Hüllenmaterial, von Sponsorenverträgen. Wir fragen nach Ausbildung und Werdegang und vernehmen staunend, daß unser Mann einst den Sozialismus zu verteidigen trachtete, mit pfeilschnellen Jagdflugzeugen von MiG und daß er, ohne Arbeit nach dem Ende eines Staates, im nächsten anklopfte an einer Firmentür um zu fragen, ob man nicht eines Kapitäns bedürftig sei.
 
Man war, und so stolperte unser junger Jägersmann in ein völlig anderes Geschäft, in dem sich alles um Werbung und Marketing, aber auch um Langsamkeit und Leichtigkeit drehte. Bis heute hat er viele tausend Stunden die Luft durchschifft und ist einer der Erfahrensten seines Standes.
 
Wir vergessen nunmehr auch nicht, unsere Gedanken in Bilder zu fassen, die den Augen der unten Gebliebenen die empfundene Schönheit von oben vermitteln. Ein und ein Viertel Bild weist die Statistik am Ende auf, ein und ein Viertel Bild für jede himmlische Minute am Himmel. Und was nicht alles halten wir fest: Klopapier-Rollen abgelegt auf Stoppelfeldern, den Abmessungen nach selbst für Elefanten zu groß, sorgfältig verpackt und abholbereit.
 
Den Kontrollturm des mitteldeutschen Multiports, Aug in Aug mit den Männern dort drüben und betend, es möge keinen Verkehrsunfall geben auf der Autobahn bei dieser Begegnung mit der dritten Dimension. Ameisengleiche Menschen im Großstadtgewühl, vielleicht weniger betriebsam, notgedrungen, weil der Arbeit bedürftig. Reiter, die den Tag ausklingen lassen bei kecken Sprüngen, Radfahrer im Wettkampf, Schwimmer im neuen Seenland oberhalb der kalten Kohlelöcher, selbst ein paar Rehe fügen sich in den Kosmos. Philemon und Baucis, als Eichen diesmal allein auf einer Insel im Acker und umpflügt von Traktoren.
 
Und über allem gemächlich auch wir, von Erkenntnis zu Erkenntnis getragen von 7.000 Kubikmetern Gas und zweimal zweihundertzehn Pferdestärken und einem Kapitän, der die Herausforderungen des Marktes annahm und nun für Zelluloid Werbung fährt, das wir heute nicht benutzen, dessen Verwendung wir aber für die Zukunft voller Dankbarkeit nicht ausschließen möchten. Zwei Landschaften begleiten uns, unten die eine, bekanntere, oben die zweite, von Wasser und Wind geformt.
 
Schon jedoch streben wir unseren tapferen 15 Fahrensleuten zu, nachdem wir auch das zweite Häusermeer der Nachbarstadt bezwungen haben. Viel zu schnell reißt uns die herangleitende Wirklichkeit aus unserem Traum, Ende der Unendlichkeit, und mit fester Hand eingefangen wird das Schiff für die Nacht an seinem kräftigen Mast vertäut. Artig bedanken wir uns, noch immer taumelnd vor Freude und das Brummen der Motoren im Ohr. Wir wenden den Blick noch einmal und entdecken verblüfft die große Gummiwolke, die uns sicher trug, leicht und vier Stunden nur und doch eine kleine Ewigkeit. Träge liegt sie nun da, gefesselt und gar nicht mehr schwerelos, ganz wie wir selbst.
 
Robert Kluge

Der fliegende Zirkus

 

Haltet ihn!

 

Landeanflug

 

Luftschiff über Reudnitz