Krasnojarsk

 

 

Luftbrücke nach Asien
AirBridge Cargo gut im Geschäft
 

Vor eineinhalb Jahren ging die russische Frachtlinie AirBridge Cargo mit einem Boeing 747-Frachter an den Start. Seit kurzem fliegen nun drei Jumbos – wir hatten die einmalige Gelegenheit, einen Flug vom sibirischen Krasnojarsk nach Frankfurt zu begleiten.
Von Robert Kluge
 

Rechterhand geht in zarten Blautönen der Mond auf, während links das Orangerot der untergehenden Sonne den Himmel kräftig einfärbt. Ein gewisses Neidgefühl will aufkommen angesichts eines Arbeitsplatzes mit solch phantastischen Aussichten. Wir sitzen in knapp 11.000 Metern Höhe über Chanti-Mansijsk am Fluß Irtysch im Cockpit eines Frachtflugzeuges vom Typ Boeing 747-200 und beobachten dessen Besatzung bei der Arbeit. Links sitzt im T-Shirt Kapitän Jurij Olechnowitsch, 44, zusammen 10.000 Flugstunden auf Typen russischer (Antonow An-24, Jakowlew Jak-40, Tupolew Tu-154) und amerikanischerer Provinienz (Boeing 737 und DC-10, die bei der russischen Gesellschaft Transaero eingesetzt werden und seit 2004 Boeing 747).
 
Neben ihm als erster Offizier und im Overall mit drei Schulterstreifen noch ein Jurij, Sacharow diesmal, 51 Jahre alt und über 12.000 Flugstunden auf russischen Mustern vom kleinen Doppeldecker Antonow An-2 bis hin zum vierstrahligen Frachter Iljuschin Il-76. Slawa Zamanow sitzt hinter den beiden am Pult des Flugingenieurs – vor dem Jumbo flog er auf Tu-154 und der gewaltigen Antonow An-124 „Ruslan“. Nette Jungs alle drei und ganz offensichtlich nicht unzufrieden mit den beiden interessierten Passagieren, die ihren Alltag, für den wir uns heute interessieren, etwas modifizieren.
 
Dass wir überhaupt an Bord sind, kam jedoch für sie genauso überraschend wie für uns Journalisten. Ein Rückblick: Die Konferenz zur Zukunft des Fracht-Drehkreuzes Krasnojarsk verlief zwar recht spannend und brachte wirklich neue Erkenntnisse – nichts geht jedoch über eigene Anschauung. Beim abendlichen Stehempfang hieß es dann aber plötzlich, dass nun doch keine Genehmigung zur Besichtigung und für Fotos erteilt werde.
 
Ein enttäuschendes Ende unseres sibirischen Ausflugs konnte nur noch Denis Iljin verhindern, der jugendlich-dynamische Managing Director der ebenso jugendlich-dynamischen Frachtlinie AirBridge Cargo (ABC), der kleinen Linientochter des Schwerlast-Carriers Wolga-Dnjepr, des Weltmarkt-Führers beim Einsatz des Frachters An-124 „Ruslan“. „Die Fotoerlaubnis kann ich leider auch nicht erteilen“, so Denis und unsere Mundwinkel hängen, „ aber ich habe eine andere Idee“, wir schöpfen Hoffnung. „Morgen legt ein Jumbo von Shanghai nach Frankfurt hier einen Tankstopp ein – ihr könntet mitfliegen!“ Wir trauen unseren Ohren nicht – doch genau so kam es dann.
 
Unser kleiner mittäglicher Spaziergang durch Downtown-Krasnojarsk mit seinen chinesischen Handelshäusern am Jenissej wird am Tag darauf durch einen Anruf unterbrochen – man erwarte uns gegen 14.00 Uhr am Flughafen, die Maschine sei soeben gelandet.
 
Im erst kürzlich neu eröffneten modernen Passagierterminal verläuft das Einchecken mit den handgeschrieben Wolga-Dnjepr-Tickets etwas chaotisch, niemand ist hier auf Passagiere bei einem Frachtflug eingestellt. Es bedarf beredter Überzeugungsarbeit, die Grenzbeamtinnen und Security-Leute von der Rechtmäßigkeit unseres Ansinnens zu überzeugen. Nein, keine Waffen und Ikonen im Koffer und nein, keine Fotos hier oder sonstwo am Flughafen – o.K. Ein gähnend leerer Gelenkbus nimmt nur uns zwei Presseleute auf und zuckelt übers Vorfeld. Da stehen all die geflügelten Objekte unserer fotografischen Begierde, die Fenster sind leicht zu öffnen, die Kameras schnell zur Hand – wer kann uns hindern?
 
Mehr als fünf Minuten braucht der Bus, ehe der blau-weiß glänzende Jumbo ins Blickfeld rückt – vorbei an abgestellten Tupolews und Jaks, an Wartungshangars und dem alten Abfertigungsgebäude. Das Licht ist umwerfend und wir sind glücklich. An der ehemaligen Alitalia-747-200 „VP-BIA“ stehen ein Cateringfahrzeug und ein vorsintflutliches Tankfahrzeug, zwei Lufthansa-Techniker, die hier vorübergehend für ABC tätig sind begrüßen uns etwas überrascht. Wir betreten den mit Container-Paletten vollgestellten Rumpf, sagen kurz „Hallo“ zur dreiköpfigen Crew und stellen unsere Köfferchen ab, um uns dann bei milden drei Grad minus hemmungslos der Fotografie zu widmen.
 
Nach einer Stunde ist alles „im Kasten“, wir gehen wieder an Bord und bekommen unsere Einweisung in die Sicherheitsmaßnahmen. Für die möglichen vier Passagiere der grünen Alitalia-First-Class-Sitze gibt es tatsächlich sogar ein Demo-Kit, das zur Erklärung der Not-Sauerstoffmasken eingesetzt werden kann. Wir dürfen jedoch zum Start in den beiden Jump-Seats des Cockpits Platz nehmen, wo pneumatische Einhand-Masken zur Verfügung stehen.
 
Als der zweite der monströsen Tanker abfährt hat unsere Maschine insgesamt 103 Tonnen Kraftstoff an Bord, hinzu kommen 102,6 Tonnen palettierter Fracht; 900 kg werden für die Crew und die beiden Passagiere samt Gepäck veranschlagt und die Maschine selbst wiegt 157,5 Tonnen (einschließlich eines kleinen Tresors für unvorhergesehene Fälle an ungewöhnlichen Zielflughäfen) – 364 Tonnen müssen beim Start von Flug VDA 263 um 16.30 Uhr also letztlich bewegt werden. Die Crew ist mit Start und Steigflug beschäftigt – Zeit also, unseren Gastgeber kurz vorzustellen:
 
Als im Mai 2004 mit einer Boeing 747-200F die Frachtlinie von Luxemburg über Nowosibirsk nach Peking eröffnet wurde, war die kurz zuvor gegründete Gesellschaft AirBridge Cargo (kurz und griffig ABC) der erste 747-Betreiber in Russland. Gleichzeitig ist ABC erster russischer Anbieter einer transkontinentalen Frachtlinie von Europa nach Fernost. Bereits im September stieß planmäßig eine zweite Maschine dieses Typs zur Flotte, um die ehrgeizigen wirtschaftlichen Pläne der Manager erfüllen zu helfen.
 
Dazu gehörte Ende 2004 die neue Route Frankfurt-Shanghai über Moskau-Domodedowo, die viermal wöchentlich bedient wird. Vorher ging es bereits von Luxemburg nach Peking bzw. Tianjin über Moskau und seit November über das sibirische Krasnojarsk (dreimal wöchentlich).
 
Für Krasnojarsk hat sich die ABC-Mutter Wolga-Dnjepr in einem Joint Venture mit der dort beheimateten KrasAir vorgenommen, auf dem Flughafen Jemeljanowo einen regelrechten Fracht-Hub einzurichten, der mit Zubringerflügen von russischen Regionalflugplätzen bedient werden soll. Hier liegt der Kreuzungspunkt von Transsibirischer Eisenbahn und schiffbarer Nord-Süd-Verbindung, der sich für ein leistungsfähiges Logistikzentrum für Sibirien und den Fernen Osten regelrecht aufdrängt.
 
„Das Luftfracht-Drehkreuz in Krasnojarsk ermöglicht AirBridge Cargo eine bessere Verteilung der Frachtströme bei gleichzeitiger Verbesserung des Angebots für unsere Kunden auf den Routen Europa-China und Nordamerika-Asien“, meint hierzu der Direktor der ABC, der Kanadier Stanley Wraight, seit April dieses Jahres neben Alexej Isaikin auch Vizepräsident der Wolga-Dnjepr. Und weiter: „Unsere nächste Aufgabe ist die Einrichtung von regionalen Linien-Frachtflügen mit russischen Flugzeugen von und zu den Hubs in Moskau-Domodedowo und Krasnojarsk.“
 
Diese ambitionierten Expansionspläne könnten auch der russischen Flugzeug-Industrie zu einem merklichen Schub verhelfen, denn Wraights Manager planen mittelfristig bis 2010 die Anschaffung von ljuschin Il-96 und Tupolew Tu-204, natürlich jeweils in der Frachtversion. Hinzu kommen im laufenden Jahr eine 747-300F und ab 2006 bis 2010 jeweils eine deutlich leisere 747-400F. Für Training und Wartung der westlichen Muster kooperiert man erfolgreich mit Lufthansa und United Airlines.
 
Im Tagesgeschäft bietet AirBridge Cargo führenden Speditionskunden wie Danzas, Kühne & Nagel oder Schenker attraktive Konditionen, die u.a. auf den geringeren Luftsicherheitsgebühren für russische Fluglinien basieren. Hinzu kommen handfeste Synergien mit dem Mutterkonzern Wolga-Dnjepr: „Air Cargo Supermarkt“ nennt Wolga-Dnjepr-Präsident Isaikin das Konzept.
 
2004 setzte ABC 41 Mio. Dollar um, beförderte rund 17.000 Tonnen Luftfracht und kam so auf einen Anteil am Linienfracht-Weltmarkt von gerade einmal 0,6 Prozent. Für das laufende Jahr sieht der Umsatzplan jedoch bereits etwa eine Verdoppelung vor. Großes Vorbild ist jedoch der Mutterkonzern Wolga-Dnjepr, mit einem Umsatz 2004 von 224,3 Mio. Dollar bei 58.000 Tonnen Luftfracht.

 
Wolga-Dnjepr ist bereits seit über 10 Jahren auch in Deutschland aktiv und vermarktet hier vor allem seine Antonow 124-Frachtkapazitäten. Von diesem Typ stehen zehn Maschinen im Einsatz, deren jüngste erst 2004 ausgeliefert wurde. Die Gesellschaft ist damit der größte zivile Betreiber und auch in die Neuauflage und Weiterentwicklung An-124-300 involviert.
 
Als Fluggesellschaft wurde Wolga-Dnjepr 1990 am Produktionsstandort der An-124 in Uljanowsk zur zivilen Vermarktung dieses einzigartigen Fluggeräts gegründet. Treibende Kraft hinter dem Projekt war der damalige Planungsingenieur für die Lieferungen an die Luftstreitkräfte und heutige Präsident der Gruppe, Alexej Isaikin. Dank der technischen Besonderheiten (150 Tonnen Zuladung und weitgehende Autonomie durch bordeigene 30-Tonnen-Kräne), sowie zahlreiche selbst entwickelte Patente im Bereich der Ladetechnologie (etwa die doppelstöckige Zuladung von bis zu 55 PKW) gelang der Sprung in die Marktwirtschaft nahezu problemlos. Als regelmäßige Kunden stehen heute beispielsweise Boeing, Airbus und Bombardier mit Flugzeugkomponenten auf der Referenzliste, hinzu kommen Satelliten-Hersteller wie Lockheed Martin und Aerospatiale und Betreiber überschwerer Ölförder-Ausrüstung wie Exxon und BP.
 
Regelmäßig kann man auch Berichte über Hilfs- und Versorgungsflüge für die UNO (so nach der Flutwelle in Südostasien) in den Medien beobachten, oder hört vom Transport von Tournee-Equipment für Rockstars von Madonna über Pink Floyd bis zu U2. Zu Weihnachten 2004 mussten aufgrund unvermutet hoher Nachfrage für Sony kurzfristig 7.000 Tonnen Playstation 2 befördert werden.
 
Was unser Jumbo heute geladen hat, können auch Slawa und die beiden Jurijs nur ahnen: Gefahrgut ist nicht dabei, keine Veranlassung also, mehr als die exakte Masse der Zuladung (102.609 kg) zu erfahren. In der Regel enthalten die Container Textilien, Ersatzteile aller Art, Spielwaren und Geräte, die sich bald in den gängigen Elektromärkten Europas wiederfinden.
 
Etwa eine Stunde später über Uchta in der Autonomen Russichen Republik Komi haben die vier Triebwerke seit dem Start bereits fast 34 Tonnen Kerosin verbrannt, und auch wir werden langsam hungrig. Das Catering hat es gut mit uns gemeint: Jedem stehen zwei warme und zwei kalte Mahlzeiten zu. Hühnchen, Fisch und Schweinefleisch soll zur Auswahl stehen, entsprechend sind die Alu-Schalen auch mit drei verschiedenen Farben markiert. Slawa beginnt die Lotterie und wir erfahren, dass die grünen Klebezettel für Fisch stehen.
 
Ich erfahre nach dem Erhitzen der verschlossenen Schale im Elektroofen der Galley, dass die roten Markierungen für Schweinefleisch mit Nudeln stehen. Es schmeckt gut, aber das Schönste ist der riesige blaue Müllsack in direkter Reichweite – so braucht man die diversen Schälchen und Becher nicht zu stapeln; bei zwei Personen auf vier großzügig dimensionierten Sitzen besteht ohnehin kein Platzmangel.
 
Nach dem Essen steigen wir zwei Kollegen die kleine Leiter hinab zum Frachtdeck und machen einen kleinen Spaziergang im Frachtraum. Man gerät angesichts der sorgfältig verhüllten und verzurrten Paletten fast zwangsläufig ins Philosophieren über die völkerverbindende Funktion solcher Flüge – wieviele Menschen werden durch diesen einen Frachtflug auf ganz unterschiedliche Weise miteinander verbunden?
 
Es müssen Millionen sein! Da sind die Produzenten der Rohstoffe und Fertigprodukte, die Logistiker, Transporteure und Zollbeamten auf der einen Seite, wiederum Zöllner, Transporteure und Logistiker sowie Verkaufspersonal und Käufer auf der anderen Seite. Dazwischen werden während des Fluges Städte überflogen, in denen Hunderttausende wohnen – und all dies durch einen einzigen Flug mit gerade drei Mann Besatzung. Die Boeing ist 25 Jahre alt und ist ihr Leben lang als Frachter geflogen. Anders als bei Passagierflügen werden so Menschen miteinander in Verbindung gebracht, die nie etwas voneinder erfahren. Eine interessante Vorstellung!
 
Etwa zwanzigeinhalb Tonnen Treibstoff später verlassen wir russischen Luftraum und fliegen über Finnland. Mittlerweile hat sich nacheinander auch die Crew gestärkt und wir unterhalten uns entspannt. Dieser Umlauf begann bereits vor knapp zwei Wochen und soll erst morgen mit dem Rückflug nach Moskau zu Ende gehen.
 
Drei Tage Pause sind nicht viel, um nach Arbeitstagen mit maximal zwölf Stunden „on duty“ und bis zu neun Stunden in der Luft zu regenerieren. Nach der Bezahlung gefragt, geben die drei sich zufrieden. „Zu viel bekommt man wahrscheinlich nie,“ so beide Jurijs wie aus einem Munde, „aber die Inlandspiloten zum Beispiel bei der in Krasnojarsk ansässigen Krasair verdienen weniger.“ Mehr Zeit mit den Familien würden sie sich wünschen. Die Väter der beiden waren Piloten und haben ihre Berufswahl entscheidend geprägt – Kapitän Jurijs zwei Söhne haben mit der Fliegerei nichts am Hut, was er bedauert. Der Sohn des Ersten Offiziers dagegen lernt schon auf der Luftfahrt-Akademie.
 
Ein interessantes Thema ist dann der Einsatz russischer Piloten bei ausländischen Gesellschaften, etwa in Afrika oder dem Nahen Osten und unter teilweise wenig attraktiven Bedingungen, sowohl unter sozialen als auch unter Sicherheitsaspekten. Beide Piloten haben jedoch gute Erfahrungen gemacht, der eine in Libyen, der andere in den Vereinigten Emiraten. Die 747 zu fliegen ist jedoch das Beste bislang, und sie fühlen sich schon etwas privilegiert – in ganz Rußland gibt es erst etwa 60 Jumbo-Piloten, 35 bei AirBridge Crago, die übrigen fliegen bei Transaero im Passagiereinsatz.
 
Inzwischen ist der Kraftstoffvorrat auf etwa 31,5 Tonnen zurückgegangen, wir fliegen schon über Mecklenburg. Fünfeinhalb Stunden sind seit dem Start in Krasnojarsk verflogen, kaum noch eine Stunde bleibt bis Frankfurt. Kapitän Jurij hat nun deutlich öfter über Funk Anweisungen der Fluglotsen zu bestätigen, während Jurij, der Erste sie ausfährt. Es wird, immer noch, Abend, als uns die hell erleuchtete Frankfurter Südpiste freundlich aufnimmt, weil Jurij der Erste so unbeschreiblich sanft gelandet ist.
 
Dreiviertel Fünf öffnet ein Wolga-Dnjepr-Mann die Tür von außen und erledigt einen Teil des Paperkrams mit der Besatzung. Kurz darauf verschwinden die drei Männer nacheinander in der kleinen Schlafkoje am Ende des Oberdecks, um kurz wenig später in perfekt sitzender Pilotenuniform wieder aufzutauchen. Offensichtlich gibt es einen doppelten Dresscode bei AirBridge Cargo, das Image soll mit westlichen Vorstellungen kompatibel sein. Der Bus bringt uns von CargoCity Süd zum Passagierterminal im Norden. Kurz hinterm Zoll ein freundliches Shakehands, die drei freuen sich auf ihr Hotelbett. Morgen gegen zehn geht es zurück nach Moskau, ein Katzensprung


747 Frachter

 

Auftanken

 

Crew

 

Very big plane