Kochsammlung

 

 

In: Flugzeug Classic 1/2006
 

„Gegen den Wind“ – Fliegendes Museum Koch in Großenhain
 

Die Sonne lacht durch einen leichten Dunstschleier, während an diesem Samstagmorgen emsige Betriebsamkeit auf dem Platz vor der historischen Großenhainer Halle herrscht. Ein Ausflug ist geplant, einer der besonderen Art: Josef Koch und seine Mannschaft rüsten sich und ihre fliegenden Veteranen für einen Flugtag – nach Görlitz soll es gehen, und wir dürfen mit, um das Ganze fotografisch zu dokumentieren.
Von Robert Kluge
 

Die Koch‘sche Flotte ist wirklich beeindruckend: Sie umfasst heute insgesamt 13 flugtüchtige Maschinen, die bis auf die Nachbauten einer Blériot aus dem Jahr 1909 und des unvermeidlichen Fokker Dreideckers des „Roten Barons“ allesamt Originale sind. Und original ist auch die Atmosphäre am Platz, einem der ältesten in Deutschland – so alt, dass einst tatsächlich sogar Manfred von Richthofen selbst hier gewesen ist. Die Halle, die die 13 Schätze beschützt, ist nicht ganz so alt, steht aber als Baudenkmal von 1929 natürlich unter Schutz – mit den entsprechenden Auflagen für den Eigentümer. Josef Koch hat sie mit hohem Aufwand liebevoll und ohne Fördermittel restauriert und für ihre verantwortungsvolle Aufgabe fit gemacht.
 
Wir lernen Biggi kennen, sie hat einen netten bayerischen Dialekt und studiert in Dresden BWL. Biggi ist Josefs Tochter und die gute Seele des Unternehmens. Im Pilotenoverall eilt sie von Maschine zu Maschine, gibt den Piloten die letzten Informationen für den Flug oder sorgt noch schnell für eine Tasse Kaffee. Sie behält den Überblick, kümmert sich und vermeidet Hektik. Und wir lernen die „Yankee Lima“ (D-EKYL) kennen, eine wunderschöne Piper PA-18, Kochs Arbeitpferd und Einweisungsmaschine für Spornradflüge und unsere Arbeitsplattform für die kommende Stunde. Kaum bleibt Zeit, Kameras, Objektive und die eigenen Beine zu verstauen auf dem hinteren Sitz, da werden auch schon die Motoren angeworfen, die kleine Staffel rollt zur Grasbahn und nach wenigen Minuten liegt der Großenhainer Platz weit unter uns.
 
Nacheinander gelingt es, Kochs Bücker 131 „Jungmann“ (mit originalem Hirth-Motor), die De Havilland „Tiger Moth“ im Schulungsgelb der Royal Airforce, die Klemm 35 in RLM-Grau und die grüne, französisch lackierte Stampe SV-4 „abzuschießen“. Kochs fliegerische Professionalität läßt keine Wünsche offen. Trotz ihrer hohen Geschwindigkeit schafft jedoch die blaue Harvard Mk IV, die kanadische Lizenzversion der North American T-6, den Anschluss leider nicht und wir erreichen Görlitz ohne auch sie in den „Kasten“ zu bekommen. Dieses Flugzeug trägt übrigens den Ehrennamen „Lt. Col. Manfred Wörner“, denn der ehemalige NATO-Generalsekretär, Bundesverteidigungsminister und Luftwaffenpilot drehte in den Achtzigern manche Runde von Augsburg aus in eben diesem Flugzeug, dem ersten in der Sammlung Koch.
 
Zeit für eine Rückblende. Ab 1980 betreibt Josef Koch in Augsburg eine gut gehende Flugschule, nachdem er schon in den Siebzigern in Jesenwang ausgebildet hatte. Er begann 1957, mit 14 Jahren in Prien am Chiemsee mit der Segelfliegerei und wurde später Berufspilot. Naturgemäß waren die Wintermonate witterungsbedingt von geringerer Auslastung geprägt, und Koch begann in Augsburg damit, die Zeit sinnvoll und zielstrebig in die Verwirklichung seines Traumes vom „Fliegenden Museum“ zu investieren.
 
Aus manchem Wrack entstand unter seinen kundigen Händen im eigenen luftfahrttechnischen Betrieb wieder ein Luftfahrzeug mit Zustand „besser als neu“. 1990 verkauft er sein Gelände mit Hangar, um in einem Neubau auf der anderen Seite des Augsburger Platzes seine Sammlung attraktiv zu präsentieren. Auf über 50 Maschinen, die aber nicht alle flugfähig sind, ist sie inzwischen angewachsen. Größte Exponate sind zwei eingeflogene ehemalige Interflug-Maschinen, eine Tupolew Tu-134 und eine Iljuschin Il-18, bei denen Koch und seine Mannschaft bemüht sind, sie durch regelmäßiges Anlassen der Triebwerke zumindest theoretisch flugfähig zu erhalten.
 
Die Iljuschin soll später als permanentes Café für zusätzliche Attraktivität sorgen. Es kam leider anders. Behörden, auf die er seither nicht mehr gut zu sprechen ist, vermochten seinen Idealismus immer wieder mit Auflagen unsanft zu bremsen, und so läuft es leider bis zum heutigen Tag. Das „Fliegende Museum“ wird zum fliehenden, viele statische Exponate müssen verkauft werden, ein Wanderzirkus entsteht, der sich nicht in Tannheim und nicht in Lahr und auch 1995 nicht auf der Isle of Wight sesshaft machen lässt. Immerhin hält er sich dort fast fünf Jahre, bis Koch unter anderem die britischen Nachprüfgebühren für seine Flotte wirtschaftlich zu sehr drücken: 70 britische Pfund werden fällig, Jahr für Jahr - und für jeweils 100 Kilogramm seiner Maschinen.
 
Daneben hat er auch Probleme mit der Mentalität der Flugtagbesucher: „Die Engländer sind kriegs-, aber nicht flugbegeistert“, so Koch, und das läuft seinen persönlichen Idealen zuwider.
 
Da kam ihm dann das Angebot aus Großenhain in der Nähe von Dresden gerade recht. Josef Koch erwirbt die historische Halle und umliegend einige tausend Quadratmeter Land. Er will seine Maschinen nun endlich regelmäßig zeigen, auch Flugtage besuchen und dabei auf ein Heimatquartier zurückgreifen können, eine technische Basis und Schauhalle zugleich. Hier sollen Besucher alle Maschinen aus nächster Nähe in Augenschein nehmen können und auf Wunsch, direkt auf der kleinen Grasbahn vor der Halle, auch mitfliegen können. Aber auch diese zum Greifen nahe liegende Vision konnte bislang nicht umgesetzt werden.
 
Die Grasfläche, obendrein ausgewiesen als zukünftiges Gewerbegebiet und von der Gemeinde entsprechend beworben, erhielt keine Betriebsgenehmigung für die höchstens zwei, drei Tage je Sommermonat, die Koch sich gewünscht hätte. Und so muss die Flotte regelmäßig über Taxiways außer Sichtweite der Basis zur ungeliebten Grasbahn parallel zur befestigten Piste rollen, die sie sich dann mit den Segelfliegern teilt.
 
Ein geregelter Besucherverkehr, der um der Wirtschaftlichkeit Willen auch Eintrittsgelder voraussetzt, ist so wohl für die attraktive Sammlung nicht möglich – spontane Besucher haben es daher heute nicht leicht, einen Blick auf die Raritäten zu erhaschen, denn ein normales, ein statisches Museum wäre das Letzte, was Koch sich wünscht. Es gab und gibt noch immer einige Reibungspunkte zwischen Josef Koch, der Gemeinde Großenhain und dem zuständigen Regierungspräsidium, und oft fallen Kompromisse schwer.
 
Dabei schlummert für Freunde der historischen Luftfahrt tatsächlich ein ungehobener Schatz in Großenhain: Neben den bereits erwähnten Maschinen sind dies zum Beispiel noch das älteste in Deutschland registrierte Flugzeug, eine Klemm L 25 aus dem Jahr 1929, oder der zweimotorige Doppeldecker De Havilland DH-89, einziger mit einer deutschen Zulassung, oder ein deutsch-französischer Storch (Morane MS 505 „Criquet“ mit Rumpf aus deutscher Fieseler-Produktion), oder... Koch hat sich zwangsläufig mit den Umständen abgefunden und versucht sich einzurichten mit der Überzeugung, dass seine Flugzeuge für ihr Brot, das kein „Gnadenbrot“ sein soll, „arbeiten müssen“.
 
So können Interessierte zu festgesetzten Flugstundenpreisen gerne mitfliegen, Piloten sind immer willkommen, um selbst den Knüppel zu bewegen und sich sogar nacheinander auf allen Maschinen aus-checken zu lassen. „Die Szene ist überaltert“, klagt Koch und freut sich vor allem über junge Flieger, die nun bei ihm vermehrt vom Oldtimervirus infiziert werden und die nötige Erfahrung im Umgang mit den fliegerisch anspruchsvollen Maschinen sammeln. Auf Wunsch steht ihnen seit Neuestem auch ein Gästezimmer und eine kleine Fliegerbar (Koch selbst nennt sie „Kneipe“) im Gebäude zur Verfügung.
 
Josef Koch weiß aber auch, dass die Fluggebühren gerade für die laufenden Kosten reichen, Rücklagen für zukünftig anfallende Überholungen sind damit nicht möglich – ganz abgesehen davon, dass man sich auch eine Kaskoversicherung nicht leisten könnte.

 

Um es klar zu sagen: Auf diese Weise lebt das Museum von der Substanz, einer noch gesunden zwar aber auch einer endlichen.
In der Saison sind es daher auch die logistisch anspruchsvollen Flugtage wie der in Görlitz, die das Fliegende Museum für Rundflüge und Reklame in eigener Sache nutzt. Mehr als ärgerlich ist es aber, wenn Unterstellmöglichkeiten für die empfindlichen Maschinen dann doch fehlen, als plötzlich ein Unwetter aufzieht, oder dass die erforderliche Kraftstoffsorte nicht zur Verfügung steht, obwohl all diese Details aus unangenehmer Erfahrung im Vorfeld genau abgesprochen waren.
 
Koch ist ein ordnungsliebender Mensch, und er erwartet diesen Charakterzug auch von anderen. Als der anwachsende Sturm ein Werbeschild am Platzrand umstößt, hebt er es auf, betrachtet es kurz und stellt es dann mit dem Gesicht zur Wand ab – Reklame für ein Boulevardblatt, das ganz offensichtlich nicht zu seiner regelmäßigen Lektüre gehört.
Widrigkeiten lassen die Kochs und das fliegende Museum immer wieder selbst gegen den Wind ankämpfen. Aber ist es nicht das, was Flugzeuge zum Abheben braucht? Das Museum fliegt weiter...

www.fliegendes-museum.de




Bücker 131

 

DH Tiger Moth

 

Klemm 35

 

Stampe SV4