Heissluft-Luftschiff

 

 

Low und slow und nicht nur Show
Heißluft-Luftschiffe im wissenschaftlichen Einsatz
 

Sie sind nicht nur originelle Werbeträger, sondern taugen durchaus auch für anspruchsvolle Forschungseinsätze - die Heißluft-Luftschiffe der Firma GEFA-FLUG aus Aachen. Wir haben einen Einsatz zur Insektenforschung im Leipziger Auwald begleitet.

Endlich - ideale meteorologische Bedingungen herrschen an diesem 29. Mai: Es ist nahezu windstill und wolkenlos. An zu hoher Windgeschwindigkeit, und das sind schon mehr als acht Knoten (4 m/s), ist bereits einer unserer nunmehr vier Anläufe zur Mitfahrt im „Schiff“ gescheitert. Aber heute reckt Rainer endlich optimistisch seinen Daumen.
 

Rainer Hasenclever, ehemaliger Luft- und Raumfahrtingenieur, ist der Pilot eines AS 105 GD, eines Heißluftschiffs der Firma GEFA-FLUG aus Aachen. Im Rahmen einer einwöchigen Forschungskampagne für Biologen der Universität Würzburg bringt Hasenclever einfach aber wirkungsvoll konstruierte Insektenfallen aus Holz, Drahtgeflecht und Plexiglas in den Baumkronen des Leipziger Auwaldes aus und sammelt sie nach einigen Tagen wieder ein. Das grüne Dach ist aufgrund seiner Unzugänglichkeit für Biologen wie Dr. Andreas Floren einer der letzten unerforschten Lebensräume.
 
„Wir können so herausfinden, welche Tiere dort leben, wie groß die Populationen sind und ob sich darunter auch bedrohte Arten befinden“, so Floren. Da das Luftschiff, anders als etwa Hubschrauber, keine Abwinde und auch kaum Lärm erzeugt, gibt es weder Beeinträchtigungen für die Umwelt noch für die Forschungsergebnisse. Wir können uns heute auf dem hinteren Platz der Tandemgondel eindrucksvoll davon überzeugen: Die Sicht ist phantastisch, man gleitet in niedriger Höhe über die Wipfel und könnte meinen, direkt in das satte Grün der Zweige greifen zu können. „Low and slow“ als Motto entspricht dem Einsatzzweck ideal.
 

Hasenclever ist ein Virtuose seines Metiers (3. Platz bei der letzten Heißluftschiff-Weltmeisterschaft 2000 in Österreich) und demonstriert die erstaunliche Wendigkeit seines Arbeitsgeräts. In Intervallen fauchen die beiden Brenner und übertönen dabei das Blubbern des wassergekühlten Zweitakters. Dieser sorgt nicht nur für den Vortrieb , sondern auch für einen leichten Überdruck in der Hülle und die Formstabilität des Kreuzleitwerks, indem ein Teil des Propellerstrahls direkt in die Hülle gelenkt wird.
 

Die gesamte Konstruktion wirkt und ist simpel, aber hocheffizient. Die Gondel besteht aus bei EXTRA-Flugzeugbau verschweißten Edelstahlrohren. Zwei längsseits montierte Gasbehälter versorgen die Brenner über uns mit Energie. Die Höhe wird wie bei einer Montgolfiere durch Aufheizen oder Abkühlung der Luft reguliert, die Richtung hält das riesige Seitenruder, von Hasenclever durch energisch zu bedienende Seilzüge aktiviert. Der etwas deplaziert wirkende Sidestick ist dagegen für die Brennersteuerung zuständig.
 

Das AS 105 kann in abgerüstetem Zustand in überraschend kurzer Zeit in einem Anhänger verstaut werden. Nur drei Mann umfasst die komplette Crew, zwei Personen genügen am Boden, um das Schiff zu zähmen - vorausgesetzt, die Windgeschwindigkeit überschreitet den zulässigen Rahmen nicht. Wenig Personal, ein Zweitakter, Propangas - man könnte meinen, die Betriebskosten spielten kam eine Rolle. Dazu muß man jedoch wissen, daß die Lebensdauer der hitzebeständig beschichteten Polyamidhülle aufgrund der UV-Belastung auf maximal 400 Stunden limitiert ist.
 
Eine neue kostet etwa 80.000 Euro, sodaß pro Stunde allein 200 Euro nur für die Hülle abzuschreiben sind. Kein Forschungsprojekt (neben dem beschriebenen biologischen gab es auch solche im Bereich des Klima- und Umweltschutzes oder der Archäologie) könnte daher in Zeiten knapper Kassen solche Beträge schultern. GEFA-FLUG betreibt daher u.a. zwei Schiffe als unübertroffenen Blickfang im Auftrag eines Modehauses, welches wiederum die Kampagnen sponsert - eine Symbiose im besten Sinne, ganz so, wie die von Dr. Floren untersuchten Insektenvölker in den Leipziger Baumkronen.
 

Die als Luftfahrtunternehmen, Entwicklungs-, Herstellungs- und Wartungsbetrieb zugelassene GEFA-FLUG GmbH hat mit finanzieller Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen den Luftschifftyp AS 105 GD (Airship, 105.000 feet³, Gefa-Design) in den vergangenen Jahren entwickelt und zur Serienreife mit bereits 26 verkauften Exemplaren gebracht. Neben der Tandemgondel gibt es für Erlebnisfahrten auch eine viersitzige Variante mit dem selben Hüllenvolumen.
 

Rainer hat zwar einen wirklich beneidenswerten Arbeitsplatz, aber es gibt ja auch noch eine Familie Hasenclever, Frau und drei Kinder, die sich notgedrungen mit seinem Vagabundenleben arrangieren muß. „Macht das Ding zu, ich kann’s nicht mehr sehen“ entschlüpft es ihm daher, als die Gondel auf ihren putzigen Go-Kart-Rädern in den Hänger bugsiert wird. In wenigen Tagen schon ist er wieder unterwegs, diesmal für den Naturschutzbund NABU, um Torflandschaften bei Greifswald zu dokumentieren.

 

Technische Daten AS 105 GD

Länge (m)   41,0
Durchmesser (m)   12,8
Volumen (m²)   3.000
Antrieb (Rotax 582, kW)   38
max. Startmasse (kg)   750
max. Fahrzeit (h)   3
max. Fahrgeschw. km/h   40


Im Auwald

 

Rainer fängt Insekten

 

Im Dienst der Wissenschaft