Domodedowo

 

 

Domodedowo setzt Maßstäbe - Moskaus zweitgrößter Flughafen wächst rasant und plant weit voraus
 

Das Passagieraufkommen des dynamischen Airports wuchs entgegen der darbenden internationalen Luftfahrt-Konjunktur 2003 um mehr als 40 Prozent auf 9,4 Millionen, doch das private Management denkt für die nächsten 40 Jahre bereits in ganz anderen Kategorien.
 

Wer in Rußlands boomende Hauptstadt reisen will, der hatte bis vor kurzem nur die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera: Der recht bequeme Weg mit dem Zug bis ins Zentrum dauert von Berlin aus fast zwei volle Tage, und der Empfang nach einem zweieinhalbstündigen Flug am abgelegenen Airport Scheremetjewo hat den Charme eines Fahnenappells in einer sozialistischen Schulturnhalle:
 
Das 1980 zu den Olympischen Spielen nach dem Vorbild des Terminals in Hannover errichtete Abfertigungsgebäude ist weitgehend verschlissen und wird an der Kapazitätsgrenze betrieben, dubiose Gestalten bieten nach oft langwierigen Einwanderungsprozeduren ihre zweifelhaften Taxidienste an, und der einzige Weg über die Leningrader Chaussee in die Stadt ist chronisch verstopft - eine Gleisanbindung gibt es nicht. Knapp 11 Millionen Passagiere quälten sich dennoch 2002 mangels ernsthafter Alternativen durch die Gates, etwa 700.000 weniger als noch ein Jahr vorher.
 

Doch dies ändert sich zusehends. Am südlichen Stadtrand liegen zwei seit kurzem im Parallelbetrieb anzufliegende (ein gesamtrussisches Novum) je etwa dreieinhalb Kilometer lange Start- und Landebahnen, verbunden durch ein Terminal, dessen Angebot teilweise westliche Standards in den Schatten stellt. Hierzu nur zwei Beispiele. So steht gläubigen Reisenden neben einer kleinen christlich-orthodoxen Kapelle auch ein muslimischer Gebetsraum zur Verfügung - es handelt sich letztlich quasi um kommerziell praktizierte, für die Nutzer aber kostenfreie Toleranz.
 
Und was besonders junge Familien begeistern wird ist ein einzigartiges Kinderbetreuungszentrum mit zahlreichen Spielmöglichkeiten, Wickelkommoden, Kinderbettchen und sogar kindgerechten kleinen Toiletten. Kostenlos kann man die Kleinen auch engagierten Betreuerinnen anvertrauen. Ganz uneigennützig ist dieser Service jedoch nicht, denn so können die Eltern entspannt vor dem Abflug die zahlreichen Möglichkeiten des Geldausgebens in den Flughafen-Geschäften wahrnehmen.
 

In den Hauptzeiten verkehrt alle 30 Minuten ein Bahnzubringer vom Paweletzker Bahnhof am südlichen Rand der Moskauer City. Die Fahrt dauert 40 Minuten, kostet zirka 2 Euro und wird derzeit bereits von etwa 30 Prozent der Passagiere in Anspruch genommen. Auch ein Vorabend Check-in ist am Bahnhof möglich. Wer es etwas bequemer mag, kann ab Domodedowo auf die Dienste dreier eigens lizensierter Taxigesellschaften zurückgreifen. Im Terminal gibt es für sie einen eigenen Schalter, an dem auch die (festen) Fahrpreise in Erfahrung gebracht werden können - unangenehme Überraschungen aller Art schließt dieses Verfahren aus.
 

Hinter all diesen Annehmlichkeiten steht die East Line Gruppe, die im Jahr etwa eine Milliarde Dollar umsetzen soll. Sie gehört zur übergeordneten FML Holding Inc. mit Sitz auf der Isle of Man - über deren Teilhaber jedoch ist nichts bekannt. East Line selbst wurde vor zehn Jahren gegründet und betreibt unter dem Management des erst 35jährigen Dimitrij Kamenschtschik neben dem Flughafen und allem was dazu gehört auch noch 23 Flugzeuge für Fracht- und Urlaubsflüge.
 
Eigene Linienverbindungen sind, paradox für ein Unternehmen mit „Line“ im Label, für das Management freiwillig tabu, um Interessenkonflikte mit den Kunden des Flughafens aus dem Weg zu gehen.
 
Die East Line Group beschäftigt in 15 Firmen etwa 20.000 Menschen; in Domodedowo selbst sind es etwa 9.500 Mitarbeiter, weitere 5.500 sind hier bei anderen Unternehmen außerhalb der Gruppe beschäftigt. Dabei ist hervorzuheben, daß Monopolist und Generalist East Line außer für die Geschäfte im Obergeschoß des Terminals kaum noch Arbeit für Fremdfirmen übrig läßt: East Line betreibt das Frachtterminal, den Wartungsbetrieb mit einem 40.000 m²-Hangar (in Kürze auch für Airbus- und Boeing-Muster), das Flughafenhotel, das Catering mit 24.000 täglichen Portionen, die GPS-kontrollierten Vorfeldfahrzeuge, ja selbst die Abschleppwagen, die in unmittelbarer Nachbarschaft der zur Zeit noch lediglich 1.000 Parkplätze auf Falschparker lauern, tragen unübersehbar das East Line Logo.
 
Corporate Identity wird groß geschrieben und findet ihren Ausdruck durch das East-Line-Logo auf den Overalls der Reinigungskräfte ebenso wie in der Mitarbeiterzeitung.
 

Aufgrund des in den vergangenen Jahren reichlich gesammelten Know-Hows sieht der Riese sich nun nicht zu Unrecht als Vorreiter in Sachen Airport-Infrastruktur und Service. Man plant eine Art von Entwicklungshilfe durch Kooperationsabkommen mit Partnerflughäfen in Rußland und der GUS, den Carriern soll dabei eine logische Brückenfunktion zukommen. Getestet wird dieses Konzept bereits mit Nowosibirsk und dessen Liniengesellschaft Sibir, die Domodeowo als eine Art Drehkreuz (Hub) nutzt. Eine eigene Entwicklungsabteilung macht sich bei East Line fit für anspruchsvolle Planungsarbeiten an anderen Flughäfen.
 

Domodedovo Airport lockte im vergangenen Jahr 9,4 Millionen Passagiere an - ein Zuwachs von 40 Prozent gegenüber 2002, während der russische Luftverkehr insgesamt nur um 11 Prozent anstieg. Bereits im Vorjahr lag das Wachstum bei unglaublichen 70 Prozent. Allein 70 Prozent des letztjährigen Zuwachses gehen auf Routen in Nicht-GUS-Länder zurück.
 
Domodedowo fertigt etwa 50 Prozent des gesamten Inlands- und auch Frachtverkehrs der vier Moskauer Flughäfen ab. Aufgrund der derzeit noch beherrschenden Rolle der Aeroflot in Scheremetjewo waren es international zwar erst etwa 30 Prozent, aber das Wachstum ist enorm: Jüngst sind Swiss und BA umgezogen und nutzen jeweils eigene Business-Lounges im jüngsten Flügel des Abfertigungsgebäudes.
 
Auch Air Vietnam und Emirates bereuen ihren Wechsel nach DME sicher nicht: Aus dem Stand hatte Emirates einen Sitzladefaktor von 80 Prozent für die eingesetzten Airbus 330, das Wachstum lag im ersten Jahr bei 30 Prozent und man denkt nun zwangsläufig über den Einsatz von Boeing 747 nach. Von Deutschland aus wird Domodedowo seit August von den grün-weißen Fokker 100 der Billiglinie Germania Express angeflogen - von München, Hannover, Frankfurt, Berlin-Tegel und bald auch von Stuttgart aus. Mit Lufthansa soll es seit längerem Gespräche geben.
 

Neben der ausgeprägten Service-Orientierung der East Line tragen gewiß auch Handlinggebühren zur Attraktivität bei, die ca. 30 Prozent unter denen Scheremetjewos liegen, und so sind die Zukunftspläne für den Airport vielleicht gar nicht mehr so utopisch, wie sie auf den ersten Blick scheinen mögen. Man hat vorläufig immerhin 65.000 Hektar Land als Ausbaureserve sichern lassen.
 
Dies reicht für ein System von bis zu 10 Start- und Landebahnen mit einer jährlichen Kapazität von nicht wenigerals 100 Millionen Passagieren! Mindestens zwei weitere Bahnen sollen mittelfristig gebaut werden, obwohl die Kapazität der bereits bestehenden für fast 40 Millionen ausreicht. Sie wurden übrigens zu Beginn der Sechziger Jahre für einen Atombomberstützpunkt angelegt, bereits 1964 aber zivil umgewidmet und mit der nötigen Infrastruktur versehen.
 

An früheren Ausbauplänen für ein völlig neues Terminalgebäude war zunächst auch die deutsche Hochtief AG beteiligt. Spätere Planungen sahen dann nur noch die mittlerweile erfolgte gründliche Modernisierung bei gleichzeitiger Vergrößerung der vorhandenen Substanz aus den Sechzigern vor. Professor Wadim Iwanow, Transportwissenschaftler und ausgewiesener Flughafenexperte kritisiert das Vorgehen als zu kleinmütig:
 
„Der konservative Umbau der vergangenen Jahre (...) erlaubt es Domodedowo nicht, sich in die Reihe der Airports der Zukunft einzureihen. International ist ein Ausreizen neugeschaffener Kapazität innerhalb von etwa 10 Jahren üblich - hier wird bereits in zwei bis drei Jahren an der Kapazitätsgrenze operiert werden.“
 
Dennoch sieht auch Iwanow die große Chance für Domodedowo, erstes echtes russisches Luftverkehrs-Drehkreuz zu werden. 350 Mio. Dollar hat East Line in den letzten Jahren in dieses Ziel bereits investiert. Das dreigeschossige Terminalgebäude (Gepäckförderanlage im Untergeschoß, ebenerdig Check-In und Ankunft, Einzelhandelsgeschäfte und Serviceabteilungen im Obergeschoß) wurde von einem slowakischen Generalunternehmer auf Vordermann gebracht und genügt nun jedem westlichen Standard. An zwei Satellitengebäuden für Inlands- und Auslandsflüge wird noch gearbeitet.
 

Das bereits 1998 fertiggestellte Frachtterminal im Westen des Platzes verfügt über 12.700 Quadratmeter komplett videoüberwachter Hallenfläche und ist mit 1.300 Tonnen täglicher Umschlagskapazität das größte Frachtzentrum der russischen Hauptstadt. Empfindliches Gut wie lebende Tiere oder gar radioaktive Sendungen stellen die Mitarbeiter nicht vor Probleme. Weitere 8.000 Quadratmeter entstehen in Kürze - Federal Express und Air China sind derzeit hierfür die prominentesten Anfrager.
 

Die Prognosen für das gesamte Moskauer Flughafensystem (neben Scheremetjewo mit elf Millionen Passagieren 2002 und Domodedowo mit fast sieben Millionen gibt es noch den ehemaligen Regierungsflughafen Wnukowo in Händen der Moskauer Stadtverwaltung mit reichlich drei Millionen und Bykowo mit ganzen 53.100 Passagieren) sehen für 2015 30 Millionen Passagiere vor.
 
Die ehrgeizige East Line wird für ihren Airport Scheremetjewo ganz sicher ein dickes Stück von diesem zu verteilenden Kuchen sichern, obwohl davon auszugehen ist, daß die Konkurrenz eigenes Terrain nicht kampflos räumen wird. Für den Moskau-Reisenden jedoch kann dieser Wettbwerb nur gut sein - er dürfte sich als eigentlicher Gewinner dieser unerwarteten Serviceoffensive erweisen.

 

Zahlen für 2003 in Kürze

Technische Daten Domodedowo (IATA-Kürzel DME)
 
45 km südöstlich des Moskauer Stadtzentrums
 
zwei Start- und Landebahnen (3.794 und 3.500 m lang, Parallelbetrieb)
 
ICAO Kategorie II; Kat III in Planung
 
24-Stunden-Betrieb ohne Lärmbegrenzung
 
92 Abstellpositionen auf 800.000 Quadratmetern
 
8 Fluggastbrücken; 14 weitere in Planung (auch für B 747, A 380)
 
40 Abfertigungsschalter
 
Bahnverbindung z. Paweletzker Bahnhof am südl. Rand des Stadtzentrums

Passagiere 9,4 Mio. 2003
 
Frachtumschlag 180.000 Tonnen 2002
 
Domodedovo Aerotel (294 Zimmer im gehobenen Standard)
 
 

Robert Kluge

 

Am Abend

 

Fracht

 

Vorfeld