Alter Tower Mockau

 

 

Überlegungen zur Nutzung des denkmalgeschützten ehemaligen Abfertigungs- und Towergebäudes in Leipzig-Mockau
 

1. Vorbemerkung
 

Seit Fertigstellung des Neuen Messegeländes im Leipziger Norden steht der denkmalgeschützte Komplex der ehemaligen Mockauer Flughafengebäude leer. Seit 2001 befindet sich die Liegenschaft im Eigentum der Leipziger Messe GmbH, die sich um eine sinnvolle und wirtschaftliche Verwertung bemüht. Zwar werden gelegentlich – so etwa während der Automobilmesse AMI International – zeitlich befristet einige Räume und das Freigelände genutzt, ein nachhaltiges Nutzungskonzept gibt es jedoch gegenwärtig offensichtlich noch nicht.
 
Zu unterscheiden sind zwei nahe beieinander liegende, jedoch prinzipiell unabhängig voneinander verwertbare Gebäude: das Hotel- und Restaurantgebäude aus dem Jahre 1913 und das Abfertigungsgebäude von 1928, im Jahre 1956 ergänzt um die beiden Stockwerke des Kontrollturmes. Nachfolgend ist in erster Linie von letztgenanntem Gebäude die Rede.
 

Über die B2 per Auto, mit der Straßenbahnlinie 16 oder mit der S-Bahn ist das Gelände bin-nen ca. 20 Minuten vom Stadtzentrum aus zu erreichen. Die Gebäudesubstanz macht äußerlich einen guten Eindruck, die Haustechnik ist nutzbar und auf einem zeitgemäßen Stand. Das Gelände ist umzäunt, wobei gegenwärtig dennoch potentiell die Gefahr von Zerstörungen durch Vandalismus besteht. Auch aus diesem Grund wäre eine baldige ständige Nutzung wünschenswert.
 

Zudem bietet die latent vorhandene Faszination und Dynamik, die nach wie vor vom Themenkomplex „Luftfahrt“ ausgeht, die große Chance, auch im Raum Leipzig vorhandene Fachkenntnisse, Ausbildungspotential und Jugendarbeit in idealer Weise zu vernetzen und damit zur Zukunftsfähigkeit der Region beizutragen. Auch unter diesem Aspekt ist der vorliegenden Skizze Aufmerksamkeit zu wünschen.
 

Ausgehend von diesen Wünschen soll nachfolgend erörtert werden, inwieweit eine neue „gebäudegerechte“ Nutzung mit relativ einfachen Mitteln ermöglicht werden könnte. Wirtschaftliche Aspekte (d.h. das Erzielen einer möglichst hohen Rendite) können dabei zunächst nicht im Vordergrund stehen, wichtiger erscheint ein maximaler gesellschaftlicher Nutzen, um brachliegendes Potential, das sowohl hohen ideellen, als auch wirtschaftlichen Wert darstellt, sinnvoll zu reaktivieren und damit u.U. den Kern für eine größere Vision zu bilden.
 
  

2. Potentielle Nutzungsmöglichkeiten
 

Die unterschiedlichen Raumgrößen bieten vielfältige Möglichkeiten. So gibt es neben der ehemaligen Abfertigungshalle mit ca. 300 m² auf zwei Geschossen zahlreiche Büro- und Versammlungsräume unterschiedlicher Größe. Folgende Nutzungsmöglichkeiten werden vorgeschlagen:
 

Museum

Bislang gibt es keine Dauerausstellung, die sich mit dem nicht unbedeutenden und vielfältigen Beitrag der Messestadt Leipzig zur Luftfahrtgeschichte auseinandersetzt. Neben der Luftschiffahrt in der Zeit vor 1914 waren dies die Flugzeugproduktion und Fliegerausbildung im Ersten Weltkrieg, der Sport-und Gewerbeflug der zwanziger Jahre, die Sportflugzeugproduktion der Erla-Werke bis 1939, die Luftrüstung bei Erla, ATG und Junkers bis 1945 (in Leipzig wurde etwa ein Drittel aller Bf (Me) 109 Jagdflugzeuge für die Deutsche Luftwaffe hergestellt. Auch das Thema der Zwangsarbeiter muß in diesem Zusammenhang entsprechende Würdigung finden.), der Luftkrieg über Leipzig ab 1943, der Segelflug (etwa in Taucha), der Messeflugverkehr, der Agrarflug (Schule in Mockau bis 1990) und natürlich die Gegenwart mit dem Internationalen Flughafen Leipzig/Halle und der aktuellen Sport- und Geschäftsfliegerei.
 

Es gibt stattdessen zahlreiche wertvolle Versatzstücke, verstreut über das Stadtgebiet und betreut von verschiedenen Vereinen, Initiativen und Privatpersonen. Hierzu gehören (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) neben dem Stadtgeschichtlichen Museum der Flughafen Leipzig/Halle, der Leipziger Verein für Luftfahrt e.V., die „GaraGe - Technologiecentrum für Jugendliche gGmbH“ (ehem. „TechnikCenter“) in Plagwitz, die zahlreichen Luftsport- und Modellbauvereine der Stadt und des Umlandes, die Sammlung der Rübesam GmbH (ebenfalls in Plagwitz beheimatet) oder die private Komplett-Rekonstruktion eines Jagdflugzeugs Bf 109 aus der Erla-Produktion.
 
Einen kompetenten historischen Überblick bietet das Buch „Sachsenflug und Messecharter“ der beiden Autoren Peter Kühne und Karsten Stötzel, 1999 in Leipzig erschienen. All diese Organisationen und Privatpersonen könnten und sollten an der Konzeption der Dauerausstellung mitwirken und Exponate (bis hin zu kompletten Flugzeugen wie der genannten Bf 109, eines Agrarflugzeuges Z-37, das derzeit im ehem. Agarmuseum Markkleeberg zu verrotten droht, oder Segelflugzeugen aus den 50er Jahren wie eines „Grunau Baby IIb“) zur Verfügung stellen.
 
Als Musterbeispiel für eine derartige fruchtbare Zusammenarbeit kann die Sonderausstellung „Fliegerstadt Gotha“, durchgeführt 2001 auf Schloß Friedenstein, dienen.
 

Eine derartige, unter Anstrengung aller Genannten professionell konzipierte und realisierte Ausstellung am historisch-authentischen Ort würde die Leipziger Ausstellungslandschaft erheblich bereichern und an eine Tradition erinnern, die auch in Gegenwart und Zukunft ihre Fortsetzung findet. Nicht zuletzt entstünde ein zusätzlicher Tourismus-Magnet in prominenter Lage unmittelbar neben dem Messegelände.
 
Erste Kontakte zum Stadtgeschichtlichen Museum bestehen und Interesse wurde siganalisiert.

Eine neugeschaffene Dauerausstellung am Flughafen Berlin-Schönefeld brachte es aus dem Stand im ersten Jahr auf 20.000 Besucher!
 

Vereinsheim

Die kleinteiligen Büro- und Versammlungsräume des ehemaligen Abfertigungsgebäudes bieten sich darüberhinaus jedoch auch als Domizil z.B. für die Leipziger Luftsportvereine an. Deren Veranstaltungen werden zwar in der Regel in Gebäuden am jeweiligen Flugplatz (Taucha, Brandis, Böhlen, Merseburg, Roitzschjora) durchgeführt, im Winter, wenn kein Flugbetrieb durchgeführt wird, ist dies jedoch mit hohen Fahrtkosten verbunden.
 
Zudem genügen die Räumlichkeiten den speziellen Bedürfnissen (z.B. Theorieschulung, Fortbildung, Vereinsversammlungen) nicht. Auch könnte ein permanenter Kontakt der verschieden Vereine zueinander das jeweils eigene Vereinsleben positiv beeinflussen, gemeinsame Aktionen und Imagekampagnen brächten Nutzen für sie alle. Neben den reinen Luftsportvereinen beträfe dies etwa auch die Modellflugvereine, aber auch jeden anderen eingetragenen Ver-ein, der nach bezahlbaren und verkehrsgünstig erreichbaren Räumlichkeiten sucht.
  

Firmenbüros

Auch einschlägigen kommerziellen Luftfahrtunternehmen wie Flugschulen (hier wieder be-sonders für den Theorieunterricht), Ballonfahragenturen, aber etwa auch Logistikunternehmen (Leipziger Messe GmbH, Quelle AG und zahlreiche weitere Handelsunternehmen sind in unmittelbarer Nachbarschaft angesiedelt) könnten preiswerte Büroräume angeboten wer-den. Diese Vermarktung könnte für die wirtschaftliche Stützung des Projekts hilfreich sein.
 

„Gläserne“ Flugzeugwerkstatt
Den wichtigsten Baustein neben dem oben skizzierten Luftfahrtmuseum könnte eine „gläserne“, also publikumsoffene Flugzeugbau-Werkstatt auf dem Gelände darstellen (geeigne-te Räumlichkeiten müßten definiert werden). Analog zu einigen anderen ähnlich gelagerten Projekten (z.B. Produktionsstätte und „Fliegendes Museum“ in Fürstenwalde/Spree - s. Anlage, Neuproduktion von „Bücker“-Flugzeugen der 30er Jahre in Schönhagen, Oldtimer-nachbauten auf der Wasserkuppe/Rhön) könnten Flugzeugkonstruktionen, die für die Geschichte des mitteldeutschen Raums bedeutsam waren, neu aufgebaut werden. Man könnte so Exponate für das eigene Museum, aber auch für den Flughafen Leipzig/Halle schaffen, evtl. sogar lufttüchtige Flugzeuge für Oldtimer-Flugschauen und Werbeflüge.
 

Eine Konstruktionen bietet sich für dieses Projekt besonders an. Es handelt sich um die Erla 5, ein einsitziges Sportflugzeug, das in den 30er Jahren in etwa 20 Exemplaren gefertigt worden ist. Diese Konstruktion passt aufgrund ihrer Konzeption in die heutige Klasse der Ultraleichtflugzeuge, was gegebenenfalls eine erneute Flugzulassung stark vereinfachte, sie ist relativ leicht aus Holz zu fertigen und könnte mit einem Vierzylinder-Motor „Walter-Mikron“ aus aktueller tschechischer Produktion betrieben werden.
 
Von der Erla 5 fliegt noch heute ein einziges, das letzte Exemplar in der Schweiz. Es ist unverkäuflich, wird jedoch gegenwärtig grundüberholt - ein Ereignis, das es erforderlich machte, alle Bespannungen zu ent-fernen, sodaß bequem maßgenommen und die Konstruktion studiert werden konnte. Eine vollständige Dokumentation wurde erstellt; Kontakt zu den Haltern besteht.
 

Die Arbeitskräfte für dieses ehrgeizige Projekt könnten sich aus Freiwilligen der Luftsportvereine rekrutieren, wo das Potential an gut ausgebildeten Fachkräften besteht. Möglich wäre aber auch analog zum „Fliegenden Museum“ in Fürstenwalde die Finanzierung als ABM-Projekt durch das Arbeitsamt. Denkbar und wünschenswert wäre zudem die Integration von Jugendlichen, die hier eine Aufgabe fänden, die sie handwerklicher Arbeit, kritischer Auseinandersetzung mit der Geschichte und einem Stolz nahebrächten, der dann qua eigener Leistung wirklich berechtigt wäre. Erfahrungen mit einem ähnlichen Jugend-Streetworker-Projekt (Bau von zwei Ultraleichtflugzeugen durch fliegerisch „unvorbelastete“ Jugendliche) besteht bereits an einem westdeutschen Flugplatz.
 

Wenn die Werkstatträume entsprechend großzügig dimensioniert werden könnten, ließe sich deren evtl. freie Kapazität auch extern vermarkten - so besteht in Spitzenzeiten Bedarf sowohl bei den Vereinen, als auch bei Privatpersonen, die im Selbstbau Flugzeuge herstellen.
 

3. Mögliche Finanzierung
 

Erforderliche Leistung der Leipziger Messe GmbH wäre das Zurverfügungstellen der Räumlichkeiten zu akzeptablen Preisen, nötige Modernisierungsarbeiten könnten die Nutzer u.U. in Eigenleistung erbringen. Die Instandhaltung der Gebäudehülle (Dach, Fenster, Fassade) müßte ohnehin erbracht werden, um das Kulturdenkmal zu erhalten.
 

Bereits erwähnt wurde die mögliche Einbeziehung von ABM-Mitteln der Agenturen für Arbeit; auch kleine Teile des Jugend- und Kulturetats der Kommune könnten durch Etatumschichtungen möglicherweise bereitgestellt werden.
 

Für den finanziellen Großteil des Projekts, vor allem hinsichtlich der „gläsernen“ Werkstatt, sollten jedoch Sponsoren aus der freien Wirtschaft und private Spender gewonnen werden können. Gedacht ist hierbei in erster Linie an Großunternehmen wie


  • Leipziger Messe GmbH
  • Mitteldeutsche Flughafen AG
  • DHL
  • Porsche
  • BMW
  • VW/Audi (als Rechtsnachfolger des ehemaligen Erla-Gründers DKW)
  • Flughafen Leipzig-Halle GmbH
  • Luft- und Raumfahrtkonzern EADS
  • Stadtwerke Leipzig
  • Leipziger Verkehrsbetriebe (deren Werkhallen in Heiterblick einst den Erla-Werken dienten)
  • holzverarbeitende Firmen (Sachspenden für Baumaterial)
    Baumärkte (Werkstatteinrichtung).
     

Auch sog. Merchandising könnte zur Finanzierung beitragen - zu denken wäre an selbstgefertigte Modellbausätze der großen Vorbilder aus der „gläsernen“ Werkstatt oder an T-Shirts und Arbeitsoveralls mit eingestickten Logos, die als Doppelnutzen auch zur sog. „Corporate Identity“ der Beteiligten beitragen könnten.

Sollte sich herausstellen, daß ein flugfähiger Nachbau des genannten Flugzeugmusters möglich ist, so wäre auch an ein Nachfliegen der seinerzeitigen Rekorde der Erla 5 zu denken. Sie verband im April 1939 über eine Strecke von 20.000 km drei Kontinente, im August desselben Jahres flog sie einen Langstreckenweltrekord (1910 km) von Friedrichshafen nach Vaennaes in Nordschweden.
 

Zuletzt ist auch nicht auszuschließen, daß die gefertigten Flugzeugmuster (gleichgültig ob flugtüchtig oder als reine Museumsexponate) für Filmaufnahmen oder bei privaten Sammlern und weiteren Museen auf Interesse stoßen und verkauft werden könnten (wenn denn eine bescheidene Serienfertigung möglich wäre). Eine kontinuierliche Begleitung des Nachbauprojekts z.B. durch den MDR und die Presse (auch überregional) sorgten für die erforderliche Publikumswirksamkeit.
 

4. Zusammenfassung
 

Das hier skizzierte Projekt zur Wiederbelebung einer mitteldeutschen Luftfahrttradition könnte in kurzer Zeit zahlreiche Enthusiasten aktivieren. Der Aufwand ist kalkulierbar, nötig ist zunächst in erster Linie eine Analyse des bestehenden Potentials hinsichtlich einer zeitlich befristeten bzw. Dauerausstellung, aber auch eine Abfrage des Interesses bei den Vereinen und bei Privatpersonen (auch an Initiativen aus dem Raum Halle ist zu denken, waren hier doch die Siebel-Flugzeugwerke ansässig).
 
Die zuständigen Stellen bei der Leipziger Stadtverwaltung (Jugendamt, Kulturamt, Wirtschaftsförderung) müßten für das Vorhaben gewonnen werden. Die Gründung eines gemeinnützigen Trägervereines wäre der zweite Schritt, das Werben um Sponsoren der dritte.
 

Auch ließe sich denken, daß zunächst lediglich Teile des Vorhabens realisiert werden, möglich wäre auch eine kleinere Sonderausstellung anläßlich eines einschlägigen Jubiläums (2003: Gründung des Flughafens Mockau vor 90 Jahren; 2004: Erstflug der Erla 5 vor 70 Jahren).
 

Insgesamt bietet das Projekt das Potential, auch exponierter Teil der Imagekampagne „Leipziger Freiheit“ zu werden - man denke nur an die Werbewirksamkeit flugfähiger Nachbauten bei nachgeflogenen und neuen Rekorden, oder einfach nur bei Auftritten auf internationalen Flugtagen (analog etwa der Junkers Ju 52 der Lufthansa) oder in Partnerstädten.
 
Der Schriftzug „Spirit of Leipzig“ oder „Spirit of Olympia“ auf einer neu gebauten Erla 5 in Anleh-nung an die „Spirit of St. Louis“ des Atlantikbezwingers Lindbergh könnte um Sympathie für die (Wirtschafts-)region werben.
 

Wirklich wichtig ist es jedoch auch, dem verbleibenden Areal des alten Mockauer Flughafens sinnvoll neues Leben einzuhauchen und eine neue Nutzung zu finden.

 

Leipzig, am 26.09.2003


Mockauer Tower

 

 

Mockauer Tower

 

 

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